Wenn der Wortschatz nicht so will, wie die Politik gerne würde

Über mangelnde Artikulationsfähigkeiten und schlechte Rechtschreibung unserer Jugend wird sich gerne aufgeregt. Der Hamburger Schulsenator hat jetzt einen Basiswortschatz für Schüler entwickelt, wie Zeit Online berichtet. Das aber wird der sprachlichen Realität kaum gerecht.

785 Vokabeln umfasst der Hamburger Basiswortschatz. Über diesen Satz sollte man genauestens nachdenken. Genauestens. Denn tut man das, sollte sich gleich die gesamte Absurdität auftun, die hinter dem Konstrukt steckt. Klar, alleine der Begriff  [[Vokabeln]] dürfte den durchschnittlichen Schüler schon abschrecken. Logisch aber: Sprache ist eben auch lernen. Das alleine ist also nicht das Problem. Schwieriger ist es da schon, wenn man sich zu Gemüte führt, dass der durchschnittliche aktive Sprachwortschatz eines Erwachsenen, der fließend Deutsch spricht zwischen 12 000 und 16 000 Wörtern liegt. Wohlgemerkt der Aktive – bekannt sind den meisten Menschen circa 50 000 [[Vokabeln]], wie es so unschön formuliert ist. Nun muss nicht diskutiert werden, dass der Wortschatz eines durchschnittlichen Schülers naheliegenderweise geringer ist. Dennoch, 785 Wörter werden nicht im Ansatz dem gerecht, was der Sprachwortschatz enthalten sollte. Mit dieser viel zu niedrigen Anzahl wird man kaum weit kommen.

Aber es gibt eine Schwierigkeit, die diese noch übersteigt. Das sollte spätestens aufgefallen sein, als es um die Zahl der Worte ging. Denn die Schule wäre womöglich in der Lage, den passiven Wortschatz zu erweitern. Auf die geplante Art und Weise wird es aber kaum gelingen den Bereich der Wörter zu berühren, der sich tatsächlich in aktiver Verwendung befindet. Dass Sprache sich nicht aufoktroyieren lässt, sollte spätestens seit der Entwicklung des Esperanto bekannt sein. Der Hamburger Schulsenat scheint das nicht mitbekommen zu haben. Eine Beamtin, die für die Entwicklung mit zuständig war, sagte zu Zeit Online, dass [[sie]] etwas finden werden, um zu kritisieren. Stimmt, werden [[sie]]. Gemeint war bei der Beamtin aber die genaue Zusammensetzung der Wortliste. Die allerdings möchte ich mir aus bereits genannten Gründen gar nicht erst anschauen. Alleine, man kann nicht alles kritisieren: Der Grundwortschatz soll in seiner Form vor allem auch dazu dienen Regeln in der Sprache zu erkennen. Das mag richtig sein und sogar funktionieren. Allerdings glaube ich, dass es auch ohne strenge Regelbeherrschung funktioniert. Mein ehemaliger Deutschlehrer würde wohl an die Decke gehen, wenn ich sage, dass ich für meinen Teil die Grammatik-Regeln nie wirklich beherrscht habe. Auch was die Rechtschreibung betrifft, könnte es besser sein, was man bei dem ein oder anderen Komma womöglich merkt. Trotzdem zeigt es, dass Sprache auch viel über Intuition funktioniert. Mit 785 Wörtern komme ich da aber eher nicht so weit. Besonders dann nicht, wenn ich die noch nicht einmal benutze.

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