„Wir schüren keinen Hass“ – Doch!

Ausgesprochen: In Zeiten in denen es ohnehin schwierig ist, die richtigen Worte zu finden macht doch noch viel mehr fassungslos, wie die Menschen in der Interaktion, vor allem in sozialen Medien, verrohen. Während der AfD-Vize Gauland behauptet seine Partei könne nichts für die aggressive Stimmung im Land, zeigt die Realität etwas anderes.

Ich habe lange überlegt, ob ich zu diesem Thema wirklich schreiben will. Weil ich es sehr schwierig finde, in einer solchen Situation Worte zu finden für das was in diesen Tagen in Deutschland los ist. Weil es einer Partei wieder einmal mehr Aufmerksamkeit gibt als ihr eigentlich zustehen würde. Weil sie eben will, dass man auf stumpfe Provokationen reagiert, man Dummheiten aber eben auch nicht einfach unkommentiert stehen lassen kann und will. Auch weil die ganzen Debatten zu genau dem führen könnten, was Terroristen wollen (so die Ereignisse von Berlin denn wie anzunehmen tatsächlich Terror waren): Dass sich unsere Gesellschaft noch weiter entzweit als sie es ohnehin schon getan hat. Und vor allem weil hinter dem ganzen Menschenleben stehen, die auf so grausame Weise ein Ende gefunden haben.

Doch immer wenn so etwas passiert wie in Berlin, wird die Situation reflexhaft von der rechten Seite instrumentalisiert, um in orgastischem Tonfall rausplärren zu können [[Wir sagen es ja schon die ganze Zeit und überhaupt Merkel ist das Böse]]. Von Alexander Gauland aber hieß noch noch vor wenigen Tagen, seine Partei trage nicht die Schuld an der aggressiven Stimmung im Land. Im August war zudem der Vater des Postfaktischen und Landesvorsitzender der AfD Berlin, Georg Pazderski, der Meinung, seine Partei schüre keinen Hass.

Selbst wenn man aber alles vorher gewesene ignoriert, ist diese Perspektive allerspätestens nach dem Umgang mit den Ereignissen von Berlin nicht mehr haltbar. Es gäbe an dieser Stelle viele Debatten-Beiträge, die man zeigen könnte. Der wohl Meistdiskutierteste ist dieser Tweet vom AfD-Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell, der so ganz nebenbei die Lügenpresse-Diskussion noch weiter als ohnehin schon ad absurdum führt (Im Folge-Tweet wurde noch dazu eine Falschmeldung der Washington Times von Pretzell weiterverbreitet. Lügenpretzell?):

Auch, dass Pretzell Kanzlerin Merkel für die Toten verantwortlich macht, ist nicht gerade fein argumentierte Creme, sondern eher Hackfleischsoße mit viel Bullshit. Spätestens aber, wenn man sich anschaut, welche Antworten unter den Tweets zu finden sind, kann die AfD nicht mehr ernsthaft meinen, Sie beruhige das Volk. Zum Beispiel wenn man unter diesen Tweet blickt:

An dieser Stelle wird nun einfach mal ignoriert, dass Herr Pretzell der heute-Redaktion vom ZDF den Vorwurf macht Falschbehauptungen zu tätigen, obwohl sie lediglich die Feuerwehr zitiert. Es finden sich hier übermäßig aggressive Statements von beiden Seiten, ganz klar.

So sehr ich solche Reaktionen auf die ekelhaften Tweets von Marcus Pretzell nachvollziehen kann, hilfreich sind sie nicht:

https://twitter.com/chris_arweiss/status/811183462296199168

Weit schlimmer ist es jedoch, wenn unter dem Post in Unterstützung für Pretzell sogar dazu aufgefordert wird, Menschen nach Auschwitz zu bringen. Zitat: [[Thema – Fernwärme]].

Hass schüren

 

 

 

 

 

Der Tweet ist mittlerweile gelöscht, daher der Screenshot. Aber wer sich von solchen Argumentation für einen nicht deutlichst distanziert, der darf sich nicht nur nicht über aggressive Stimmungen wundern. Nein, er trägt ganz aktiv dazu bei, dass Hass geschürt wird. Da können Pazderski und Gauland sagen was sie wollen. Von Pretzell gab es trotz Nachfrage via Twitter meinerseits keinen Kommentar, erst recht keine Distanzierung.

Vermutlich aber ist es noch schlimmer, dass von Pretzells Twitteraccount unterdessen noch nicht einmal Worte des Mitleids, des Schocks oder der Trauer kommen; bis weit nach der Tat nicht. Hier wird sich nichtmal die Mühe gemacht zu verbergen, wie man die ekelhaften Morde instrumentalisiert ohne offenbar wirklich berührt zu sein.

Alle, die das nicht wollen, sollten unterdessen in ernsthafter Betroffenheit zusammenhalten und die widerwärtige Instrumentalisierung widerwärtiger Gewalt nicht zulassen.

Die Reihe [[Ausgesprochen]] setzt sich mit Zitaten auseinander, die so nicht unbedingt in der Öffentlichkeit beleuchtet wurden – aber eigentlich interessant sind.

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