Terror in Mannheim: Steady und der Hass

Der Bezahldienstleister Steady hat unter anderem das Rheinneckarblog als Kunden, das jüngst mit einem erfundenen Terroranschlag auf sich aufmerksam machte. Steady hat sich für eine Verwarnung entschieden. Es gibt gute Gründe, sich vom Blog als Kunden zu trennen.

[[Steady verhilft Personen und Teams, die Inhalte produzieren, zu regelmäßigen Einnahmen durch ihr Publikum.]] Das sagt der Bezahl-Dienstleiter Steady in seinen Community-Richtlinien. Dass es Dienste wie Steady braucht, dürfte nahe liegen. Das Netz lebt davon, dass Interaktionen schnell und barrierefrei ablaufen. Dass auch kleine Medienprojekte in den Genuss kommen, Steady als Dienstleister zu nutzen ist insofern wünschenswert für die Vielfalt des Journalismus.

Für einen Dienstleister wie Steady muss sich allerdings zweifelsohne die Frage stellen, wer sein Produkt eigentlich nutzt. Ein Kunde von Steady ist das Rheinneckarblog, das jüngst mit einem erfundenen Terror-Anschlag in Mannheim auf sich aufmerksam machte. Dass es sich bei dem Beitrag nicht um Gonzo-Journalismus handelt, sondern schlicht um einen absurd-irren Fake, ist hinlänglich erläutert. Es wird spätestens dann klar, wenn man sieht, dass die vermeintliche Aufklärung der Fiktion zunächst hinter der Paywall zu finden war.

Die Sanktionen werden nicht ausgeschöpft

[[Freie Meinungsäußerung ist uns wichtig]] heißt es in den Community-Richtlinien von Steady, einer Art Manifest der Kollaboration. Man prüfe die Zusammenarbeit mit dem Blog, erklärt Steady-Gründer Sebastian Esser gegenüber Meedia. Bereits am gleichen Tag wurde ein Blog-Beitrag veröffentlicht, indem Steady mitteilte, dass man das Rheinneckarblog verwarne. Die Nutzungslizenz, die zweite und eskalativere Sanktionsstufe, ist somit noch nicht erreicht.

Die Positionierung passt zu vorhergehenden Aussagen von Esser bei Twitter: [[Als Finanzierungsplattform für journalistische Inhalte achten wir besonders darauf, nicht zu bewerten. Es steht uns nicht zu, eine Meinung zu äußern. Es sei denn, diese Inhalte verstoßen gegen unsere Richtlinien.]]

Natürlich DARF Steady eine Meinung äußern

Daran sind gleich zwei Dinge merkwürdig: Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass Steady natürlich eine Meinung äußern darf, wenn es das möchte. Zweifelsohne kann sich Steady dazu entscheiden, keine Position zu beziehen, egal, ob man Inhalte gut findet oder nicht. Es muss das aber nicht tun. Gut möglich, dass Esser genau das eigentlich meint, wenn er sagt, es stünde Steady nicht zu, eine Meinung zu äußern. Gesagt hat er es anders.

Der andere Punkt allerdings, und der ist ungleich relevanter, bezieht sich auf den letzten Satz. Denn es gibt gleich mehrere Punkte, mit denen der Artikel des Rheinneckarblogs gegen Steadys Community-Richtlinien verstößt, zumindest aber an der Grenze kratzt. Da wäre zum Beispiel die folgende Regel:

[[Eine Grenze [der Meinungsäußerung] ziehen wir […] bei Inhalten, die Gewalt gegen Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Behinderung, Geschlecht, Alter, Nationalität oder sexueller Orientierung / geschlechtlicher Identität fördern oder billigen, oder Inhalte, deren Ziel hauptsächlich darin besteht, Hass in Zusammenhang mit diesen Eigenschaften zu schüren.]]

Wird Hass geschürt?

Dass der Text Hass gegen Muslime zu schüren versucht, dürfte zumindest keine allzu absurde Interpretation sein. So wird in dem Text ein Bekennerschreiben zitiert, das unter anderem die Worte [[Allahu al Akbar]] enthält, außerdem ist der Artikel mit den Stichworten [[IS]] und [[Islamismus]] verschlagwortet. Andererseits könnte man, diesen einen Aspekt isoliert betrachtet, sagen, dass es nun einmal der islamische Terror ist, der in den vergangenen Jahren von höchster Relevanz war. Außerdem werden in dem Text zu keinem Zeitpunkt Muslime als Solche angegriffen oder überhaupt angesprochen. Zumindest also handelt es sich hier um einen Grenzfall.

Weiter schreibt Steady: [[Personen, die mit Betrug, Gewalt, Bedrohung, Terror, politischen Extremismus, Stalking, und anderen illegalen Aktivitäten in Verbindung sind oder waren oder zu in solche Aktivitäten verwickelten Gruppen gehören oder gehörten, können wir von der Nutzung ausschließen.]]

Drohung in Folge einer Drohung

Hier könnte man sich fragen, inwiefern das nicht im Nachklapp der Berichterstattung geschehen ist. So hat Patrick Gensing einen Screenshot gepostet, bei dem Rheinneckarblog-Redaktionsleiter Hardy Prothmann offenkundig Gewaltdrohungen loslässt:

Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass diese Drohung von Prothmann unter einer ihrerseits nicht ganz unverfänglichen Nachricht zu finden war. Der betreffende User veröffentlichte unter anderem Prothmanns Privatadresse inklusive Drohung, seinerseits vorbeizukommen. Die Reaktion Prothmanns ist aber zumindest nicht gänzlich harmlos. Auch dieser Punkt ist letztlich aber wohl ein Grenzfall innerhalb der Community-Richtlinien.

Eindeutiger ist der Fall in einem anderen Aspekt: [[Bei Steady dürfen gewalttätige Inhalte dann nicht veröffentlicht oder vermarktet werden, wenn sie keine Informationen vermitteln oder künstlerischen Wert haben und es vor allem um den Schockeffekt geht.]]

Schockeffekt steht im Mittelpunkt

Hier erfüllt der Artikel des Rheinneckarblogs alles. Der Artikel enthält gewalttätige Inhalte, indem er von einem Terroranschlag berichtet. Der Artikel vermittelt keine Informationen, weil die Geschehnisse schlicht erfunden sind. Und der Schockeffekt steht spätestens dann im Mittelpunkt, wenn man sich die Dimensionen anschaut, die der nicht-existente Anschlag mit 136 Todesopfern und 237 Verletzten haben soll. Auch ein künstlerischer Anspruch, lässt sich in Anbetracht des Eigenverständnisses vom Rheinneckarblog kaum verargumentieren: [[Unser Text ist „Gonzo“ – das meint eine journalistische Stilform „hätte so passiert sein können“, also einen wilden Mix von Fakten und Fiktion.]] Mal abgesehen davon also, dass die Gonzo-Definition irrsinnig und inkorrekt ist, soll das [[hätte so passiert sein können]] ja gerade zeigen, dass das Szenario ein mögliches sei – und eben kein künstlerisches.

Und dann ist da noch ein letzter Punkt in den Community-Richtlinien, der betrachtenswert wäre. Es ist mit der Überschrift [[Ehrlichkeit]] versehen: [[Es dürfen keine Fake-Projekte erstellt oder Geld gesammelt werden für Dinge, die Nutzerinnen und Nutzer nicht tatsächlich verwirklichen wollen.]]

Zwar dürfte es in der Formulierung darum gehen, dass die Projekte als Solche Fakes sind. Das kann man vom Rheinneckarblog so nicht behaupten. Allerdings ist der Terror-in-Mannheim-Artikel in Einzelbetrachtung eben doch klar ein Fake-Projekt einer Seite, die mit dem Untertitel [[Nachrichten & Informationen]] wirbt. Den Anspruch der [[Ehrlichkeit]] erfüllt das Blog hiermit also eher weniger.

Keine Beurteilung einzelner Punkte

Wie Steady die einzelnen Punkte konkret beurteilt, hat man auf Nachfrage nicht mitgeteilt. Steady verweist hier lediglich auf den genannten Blog-Eintrag. Dort heißt es unter anderem: [[Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir entscheiden, ob eine Publikation weiter Geld verdienen soll, oder nicht.]] Das ist so natürlich nicht richtig, denn es würde vorrausetzen, dass Steady der einzig mögliche Dienstleister für die Bezahlung journalistischer Arbeit ist. Möglicherweise ist es der am besten Funktionierende. Aber Zahlungsabwicklung lässt sich auch über Blendle, Paypal oder zur Not sogar per Lastschrift, Überweisung oder Kreditkarte regeln. Oder über selbstgebaute Lösungen. Dann ist die Barriere womöglich größer. Das einzige Modell ist Steady jedoch nicht.

Korrekt ist aber, dass Steady natürlich Einfluss darauf hat, wie sich das Bezahlmodell des Rheinneckarblogs entwickelt. In diesem Zuge ist es sinnvoll, sich, wie von Steady angekündigt, die Position von Hardy Prothmann anzuhören. Gleichzeitig sagt Steady aber, dass dieser Text von Prothmann als Entschuldigung verstanden werden kann. Zwar sagt der Autor hier tatsächlich, dass er sich entschuldige, sofern sich jemand individuell verängstigt gefühlt hat. Einen Großteil des Textes nutzt er allerdings für den Vorwurf, Leserinnen und Leser hätten sich nicht vernünftig mit dem Text auseinandergesetzt. Für das konkrete Vorgehen entschuldigt sich Prothmann nicht.

Dennoch kommt Steady zu dem oben bereits genannten Fazit: [[Wir sind der Auffassung, dass der Artikel zumindest den Geist der Steady-Community-Richtlinien verletzt, wahrscheinlich auch den Wortlaut. Ganz eindeutig ist letzteres aber unserer Auffassung nach nicht.]] Die Verwarnung bedeutet letztlich, dass das Rheinneckarblog die Infrastruktur von Steady weiter nutzen darf. Zumindest aber hat Steady angekündigt, die Community-Richtlinien klarer zu formulieren. Dabei gibt es gute Argumente dafür, dass sie bereit jetzt in mehreren Punkten übertreten wurden.

© Bild: Screenshot Rheinneckarblog

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