Irgendwie war das schon richtig so: Anneliese wird heute 90.

Obwohl die letzten Wochen und Monate nicht einfach waren, feiert Anneliese einen schönen Anlass. Dabei sitzt sie zwischen ihrer Familie und einer Horde wild gewordener Sammelstücke. Ein Portrait.

Anneliese wird heute 90. Die letzten Wochen und Monate können nicht leicht gewesen sein. 64 Jahre hat Sie mit Helmut zusammengelebt. Wenn man die Leute in ihrer Kleinstadt fragt müssen Sie lachen, wenn Sie Helmut hören. Für die Menschen hier hieß Helmut immer nur [[TZ]]. Der junge Kaplan der bei der Beerdigung stets von Helmut gesprochen hatte, war eher mit einem verächtlichen Naserümpfen abgetan worden. [[Na ja]], dachten die Kirchenbesucher, [[wie hätte der Gute es anders wissen sollen]], nicht ohne sich die Frage zu stellen, warum solch junge Menschen sich überhaupt noch für das Priesteramt entscheiden.

Es kam nicht überraschend, als Helmut sich verabschiedete. Keineswegs. Und in der Tat war es ein Abschied. [[Das war wie er es gewollt hat]], meint Anneliese mit einer Bestimmtheit als hätte er es ihr noch mitgeteilt. Lange schon hatte er nicht mehr so viel gegessen. Er, der doch immer ein Zweizentnermann gewesen war. Und das ist schon eine freundliche Betrachtung, wenn man ehrlich ist.

Doch seit Jahren war er das schon nicht mehr. Helmut hatte den Hunger verloren. Er teilte sich oft nur ein Essen mit Anneliese, ein Essen auf Rädern für beide zusammen. An diesem Weihnachtsabend hatte er aber zugelangt, als hätte er gewusst was los ist. Schon bei der Suppe hatte er richtig angefangen, hatte nicht nur den Teller geleert, sondern sogar einen zweiten nachgeschüttet bekommen. Den Kartoffelsalat, das letzte was Anneliese immer wieder kochen musste, vor allem, weil ihre Enkel sich so darauf freuten, hatte Helmut auch verschlungen. Und Wein hatte er getrunken, gut und gerne. Er verabschiedete sich, wurde von Schwiegersohn und Enkel heimgebracht, schaffte es aber nur noch vor die heimische Tür. Und so war es sein Abschied, auch wenn er erst im neuen Jahr endgültig ging.

Ein Menü für beide

Doch in gewissermaßen war es ein neuer Anfang. Anneliese hatte nicht mehr gekocht. Wie hätte sie es auch machen sollen, hat sie sich gefragt. Immer hatte sie doch zu tun damit, das Atemgerät für ihren Helmut bereit zu stellen, ihn an seine Tabletten zu erinnern, ihn einzureiben. Einmal täglich kam das Essen an die Tür geklingelt. Ein Menü für die beiden. Viel zu wenig, dachte Annelieses Tochter Annelie immer. Alleine der ehemalige Zweizentnermann müsste doch einen Teller alleine essen. Doch es genügte soweit. Anneliese nahm zwar deutlich ab, aber sie hatte eben auch einfach keinen Appetit mehr. Das dachte sie jedenfalls. Jetzt, seitdem Helmut nicht mehr ist, kocht sie wieder. Nicht viel, und nichts Besonderes. Einfach Kartoffeln mit ein bisschen Soße. Aber sie kocht, steht in der Küche. Es ist nicht so viel was sie sonst beachten muss, muss sie doch sonst hauptsächlich an ihre eigenen Tabletten denken. Und selbst wenn sie die vergessen würde, sagt sie sich immer, selbst wenn sie die vergessen würde – was soll es einer nun 90jährigen Dame schon schaden. Nicht viel, vermutlich. Sie findet jedenfalls, dass das nicht allzu bedeutsam wäre.

Annelie dachte immer, dass Anneliese keine Aufgabe mehr hätte, sobald Helmut nicht am Leben ist. Sie hatte um Ihren Helmut gekreist. Hatte versucht ihm alles so angenehm wie möglich zu machen, war aber immer bemüht darum, dass er eine Aufgabe hätte. Meistens saß er unten an seinem Computer, auch mit 90 Jahren versuchte er auf dem Stand zu bleiben. Sogar einen Facebook-Account hatte er, und hätte man ihm Twitter oder Instagram erklärt, wer weiß, vielleicht hätte er sogar das genutzt.

Klar, er musste so manches Mal nachfragen, hat nicht alles sofort verstanden, aber erstaunlich fit war dennoch. Vor allem Verstand er, wie gut man den Computer zur Katalogisierung nutzen konnte. Doch durchgekommen ist er nicht mit allem. Bei weitem nicht. Sein Archiv war schließlich enorm.

Zwei Geschichten, die bleiben

Ein Blick in seinen Archiv-Raum verrät lange nicht das ganze Ausmaß. Annelie hatte das geahnt, Anneliese hätte auch wissen müssen, wie weit seine Sammlung geht, die aus quasi allem besteht, was man als materiellen Besitz sammeln kann. Vielleicht wollte Anneliese auch nur nicht wirklich sehen was sich da türmte. Jetzt, wo Helmut nicht mehr ist, scheint sie es zu realisieren. Und sie fühlt sich jetzt verantwortlich für das alles. Dabei war das da unten eigentlich nie ihr Reich. Klar, es war ihr gemeinsames Haus. Aber Büro, Archiv und Werkstatt, das waren Räume in denen sich Anneliese nie aufgehalten hat, das war Helmuts Revier. Und sie könnte das Ganze auch unangetastet lassen. Aber sie fühlt sich eben verantwortlich. Ab und an sieht sie einen Ordner, den man ruhig wegwerfen kann wie sie denkt. Ab und zu kommt ein Freund von Helmut vorbei, der schon in dessen letzten Jahren versucht hat alles sicherzustellen und zu digitalisieren was geht.

Zwei Geschichten erzählt sie besonders gerne. Es gibt natürlich einen großen Pool, viel was man erzählen könnte. Aber es sind vor allem zwei Geschichten, die sie eben besonders gerne erzählt. Da ist das mit seinem Namen. [[TZ]], war er immer genannt worden. Den Namen hatte er vom Lebensmittelgeschäft seiner Eltern, das Theis Zimmer hieß. Das war ihm zu lang, aber er wollte keinen der Namen ganz fallen lassen. Also [[TZ]]. Und in der ganzen Region kannte man ihn auch unter diesem Namen. Der [[TZ]] eben. Lange Zeit war er sogar so im Telefonbuch zu finden. Und wenn jemand mal nachfragte, was denn [[TZ]] nun bedeuten solle, dann hat er sich stets einen Scherz daraus gemacht zu antworten. Die richtige Erklärung, vermutlich war sie ihm zu mühsam. Jedenfalls sagte er auf die Frage immer nur, dass [[TZ]] für [[tummes Zeug]] stehen würde. Ein Kalauer, im Prinzip. Doch er hatte Spaß daran, vor allem an der Verwirrung, am Unverständnis, das er bei seinen Gegenübern auslöste. Das fand Anneliese wiederum unterhaltsam. So unterhaltsam, dass sie es immer und immer wieder berichtet. Die zweite Geschichte, und die ist in der Tat ungleich interessanter, erzählt von Postkarten. Einen ganzen Ordner voll habe er gesammelt. Wie viel es war, das hat Anneliese erst nach seinem Tod entdeckt. Auf den Postkarten, die von den unterschiedlichsten Orten der Welt den Weg in sein Bürozimmer gefunden, habe aber keine Adresse gestanden. Darauf zu finden sei stets nur folgende Aufschrift:

TZ

555

Germany

Die Karten haben ihren Weg gefunden. Lange jedenfalls. Irgendwann, berichtet Anneliese, habe die Post gesagt, dass das nicht mehr gehen würde. Zu viel Aufwand sei das. Ein paar Mal seien dennoch Postkarten angekommen, man kennt den Briefträger schließlich. Aber das erzählt Anneliese schon nicht mehr. Sie weiß es natürlich, aber ihr geht es um den Ordner.

Warum an das Schlechte denken, es würde sie ja nicht glücklicher machen

Anneliese erzählt von ihrem Mann auch im Alter von 90 mit leuchtenden Augen, voller Begeisterung. So leuchtend sogar, wie sie die letzten Jahrzehnte wohl nicht mehr gewesen waren. Annelie hat sich nach dem Tod von Helmut Sorgen gemacht, dass Anneliese ihren Mann jetzt in den Himmel loben würde, alles Schlechte ausblendet. Sie versteht die Sorgen ihrer Tochter, vermutlich weiß sie sogar, dass sie nicht ganz Unrecht hat. Aber doch, sie wisse schließlich, dass es auch Schlechtes gegeben habe. Nur daran denken mag Anneliese nicht. Warum sollte sie auch, glücklicher würde es ja nicht machen, scheint sie zu meinen.

Finanziell hat sie keine Sorgen. Sie weiß, dass das ein Luxus ist. In ihrer Generation waren erwerbstätige Frauen noch die Ausnahme und Vorsorge war vielen nicht möglich. Es gab auch Wochen und Jahre, in denen es quasi nicht möglich war, Geld beiseite zu schaffen. Sowieso ist es eine bewegte Geschichte, viel ist hoch und runter gegangen. Vor allem aber ist Anneliese für ihre Generation viel rausgekommen. Schließlich war es nicht üblich, dass Mädchen ihres Jahrgangs, 1927, viel gesehen haben, Mädchen vom Land schon gar nicht. In einem kleinen Dorf in Hunsrück ist sie aufgewachsen, fast könnte man meinen es sei ein Klischee.

Sie ist in nicht allzu schlecht situierten Verhältnissen groß geworden, in ihrer Stube gab es einen eigenen Fernseher. An ihre Eltern hat Anneliese nur die besten Erinnerungen. [[Mein Papa war ein toller Mann]], erklärt sie voller Stolz und findet Schade, dass ihre Enkel ihn nie kennen lernen konnten. Und auch Annelieses Mutter muss gutmütig gewesen sein. Immer bestimmt, aber nicht unfreundlich. Eine große Schale voller Äpfel hat immer im Haus gestanden, die Kinder kamen immer wieder daran vorbei. Und wenn sie einen haben wollten, baten sie die Mutter vorsichtig darum. Sie hätte niemals Nein gesagt, aber man musste sie fragen.

[[Dat wor für mich en Weltreis]]

Anneliese machte eine Ausbildung im Einzelhandel, mitten im Krieg, in einem Krämerladen der nächstgelegenen Kleinstadt. Als 1945 Bomben in die Straße vielen, in denen der Krämerladen stand, musste sie einen Weg suchen wie es weiterging. Sie musste erst nach Trier, dann nach Neuwied, war schließlich über 100 Kilometer von zuhause weg. Den Weg legte sie immer mit einem Kraftfahrer zurück, der sie mitnahm. 45 Personen besuchten die Schule dort, nur vier davon waren Frauen. Gefühlt war schon das das große Abenteuer. Doch für Anneliese war noch nicht Schluss. Eine Mitschülern wollte unbedingt nach Norderney, wo am Ende der Ausbildung zwei Stellen zu besetzen waren. Doch traute sie sich nicht alleine. Anneliese scheute sich nicht wirklich, ließ sich leicht überreden. So bewarben sich beide für eine Saison Arbeit am Meer. Nur Anneliese wurde genommen. Und war plötzlich mehr als 500 Kilometer entfernt am anderen Ende der Republik und zwar ganz alleine. [[Dat wor für mich en Weltreis]], meint sie dem Dialekt verfallen noch heute.

Ihre Eltern jedenfalls waren froh, als ihr Mädchen dann nach der Saison wieder heimkehrte. Doch Anneliese hatte Pläne. Sie wollte in die Schweiz, ihr Vertrag dort quasi sattelfest. Erstmal aber wurde noch in der Heimat gearbeitet. Besonders leidenschaftlich war Anneliese beim Fenster dekorieren, sie konnte das gut. Das entdeckte auch Helmut, der doch vorher nie auf Frauen wie Anneliese geachtet hatte. [[Das war für mich ein Angeber]], erinnert sich Anneliese, [[uns Bauernmädchen hat der nie beguckt]]. Und als er dann, ohne zuvor jemals ein richtiges Gespräch geführt zu haben, fragte ob sie nicht heiraten sollen, hat Anneliese doch ja gesagt. Kaum sechs Wochen später waren die beiden verheiratet, die Schweiz-Pläne hinüber.

Mehr als schön dekorierte Fenster

Wenn Anneliese so erzählt, könnte man fast den Eindruck gewinnen, Helmut habe sie nur wegen der schön dekorierten Fenster gewollt. [[Der brauchte dann jemanden, der auf seinen Krämerladen aufpasst.]] Doch wenn Helmut erzählt hat, dann konnte man immer ehrliches Interesse hören. Und sie waren ja auch glücklich zusammen. 1952 die Hochzeit, 1953 kam ihr erstes Kind. Als die Supermärkte den Krämern den Rang abliefen, schlossen beide ihren Laden und Helmut wurde Dekorateur – eigentlich ja Annelieses Domäne. [[Führerschein, Quittungsblock und Geld dabei?]], fragte Anneliese dann beim Rausgehen immer und nur wenn alles dabei war, durfte Helmut das Haus verlassen.

Viel Geld war es nicht, was in der Zeit reinkam. Nach Aufgabe des Ladens gab es Wochen, wo sich die junge Familie quasi nur von einem übrig gebliebenen Fass voller Nudeln ernährte. Anneliese machte immer wieder erfolgreich bei Wettbewerben mit, gewann so Präsentkörbe. Und irgendwann suchte das örtliche Schwimmbadcafé einen Pächter. Für die Kinder bedeutete das vor allem lange Nachmittage in der Sonne, für die Eltern finanzielle Sicherheit. Es ging ihnen auch ganz gut dann, doch sie strebten nach mehr. Und als Helmut dann Ende der 60er-Jahre von seinem Sparkassenberater den Tipp bekam in den Fonds IOS zu investieren, war Geld schneller beschafft als man das Ganze hinterfragen konnte. Einige Jahre machte die Familie auch gute Renditen damit. Dass es sich um ein Schneeballsystem handelte, das vielen Menschen enorme Verluste einbrachte verstand die Familie erst später. Das System brach schließlich zusammen, als viele Käufer ihre Anteile wieder verkaufen wollten. Und Anneliese und Helmut standen vor schweren Zeiten. Sie hatten das Schwimmbadcafé inzwischen aufgegeben, waren in die Eifel gezogen und waren dort Pächter in einer Bundeswehrkaserne.

So ganz aufhören mit dem Arbeiten war in der Rente nicht

Anneliese erzählt nicht wirklich positiv von dieser Zeit, gerade die jungen Soldaten konnte die damals langsam auf die Rente zugehende Frau nicht sehen. Sie war froh, als dieses Kapitel nach einigen Jahren vorbei war. In der Zwischenzeit hatten Anneliese und Helmut gut vorgesorgt. Helmuts Vater nämlich hatte seinen Sohn nie offiziell angemeldet und Annelieses Rente wäre sowieso mickrig gewesen, es war ja keine lange Zeit, die sie wirklich erwerbstätig war.

Doch so ganz aufhören mit dem Arbeiten war auch in der Rente nicht. Wie soll es auch anders sein, in dieser Generation, in der sich so vieles selbst erarbeitet werden musste. Für Helmut, so heißt es immer, fing das Leben dann erst so richtig an. Sie kehrten zurück in ihre Heimat, die beide dann erst so richtig kennen lernten. Ohne es zu wollen, wurde er zum Stadtführer gemacht und verliebte sich in die Tätigkeit, genauso wie es auch Tochter Annelie und deren Mann Jürgen später widerfahren sollte. Und Anneliese ließ ihn gewähren, weil sie sah, dass es gut war.

Eine Geschichte aber, die erzählt Anneliese eigentlich nie, man muss schon bohren um wirklich dran zu kommen. Ursprünglich nämlich sollte ihr Leben ganz anders laufen. Sie hätte auch raus gesollt, aber nach Berlin. Dort hätte sie einen Platz an der Berliner Kunsthochschule gehabt. Doch der zweite Weltkrieg hat das verhindert. Doch davon erzählt sie nicht, möglicherweise, weil sie sich ausmalt, was passiert wäre. Vermutlich aber liegt es eher daran, dass Helmut hier nicht vorkommt. Denn auch wenn man nach Annelieses Geschichte fragt, meistens kommt sie doch auf die Liebe ihres Lebens zurück. Am Ende einer Geschichte geht es meist um Helmut. Vermutlich ist das sogar verständlich, nach 64 Jahren Ehe, in denen man doch sehr aneinander gewachsen ist.

[[Irgendwie war das schon richtig so]]

Heute muss sie ohne ihren Helmut auskommen. Seinen 90. Geburtstag haben sie zusammen gefeiert, viele Leute waren da. Zu ihrem 90. Geburtstag kann er nicht mehr kommen. Und so sitzt Anneliese in einem Haus, in Mitten einer Horde von Sammelstücken, denen sie versucht Herrin zu werden. Und vermutlich wird ihr auch das noch gelingen. Erstmal aber sitzt sie mit ihren Liebsten zusammen; denen die noch übrig sind; und freut sich des Lebens, das sie gelebt hat.

Es ist nicht so, als wäre Anneliese glücklich damit allein zu sein, wie sie es jetzt ist. Im Gegenteil, es ist sehr schwer nach über 60 Jahren Zusammenleben mit einem Menschen [[Auf Wiedersehen]] zu sagen. Aber sie hatte ihren Abschied, und sie war bereit dafür. So bereit, wie man eben sein kann. [[Irgendwie war das schon richtig so]], schwirrt es in ihrem Kopf herum. Irgendwie. Vermutlich ist es ein Gedankengang, wie er quasi nur aus dieser Generation der Genügsamkeit kommen kann, die es gelernt hat, mit dem umzugehen, was man ihr gegeben hat, für das zu kämpfen was notwendig war. Irgendwie war das schon richtig so.

Offenlegung: Dieses Portrait erzählt aus meinem familiären Umfeld. Es wurde zum 90. Geburtstag von Anneliese am 10. April 2017 verfasst.

Kommentar verfassen