Ausgerechnet: Wenn Armut im Handelsblatt wichtig wird

Warum [[ausgerechnet]] ein vermeidbares Wort ist und das Handelsblatt sozialer schreibt, als man es aus dem wirtschaftlich orientierten Haus erwarten dürfte.

Es ist nicht sonderlich originell einen Beitrag mit dem Wort [[ausgerechnet]] zu beginnen, wohl auch deswegen wähle ich diesen rechtfertigenden Einstieg. Und doch kann es manchmal zutreffend sein, sich am häufig begrenzten sportjournalistischen Wortschatz zu bedienen und genau das eben doch zu tun. Also mache ich es einfach:

Ausgerechnet das nicht gerade sozialistische Handelsblatt spricht in seinem [[Morning Briefing]] am 27. Oktober von [[Kassenkampf]] statt Klassenkampf, betrachtet Vermögenskonzentrationen kritisch und betont die Rolle der Superreichen. Im Newsletter [[Der Chefökonom]] beschäftigt sich das Handelsblatt in einer Analyse zur Landwirtschaft 4.0 auch mit der Hoffnung auf eine Welt ohne Hunger und analysiert nüchtern: Etwa 10 Prozent der Landfläche der Erde werden landwirtschaftlich genutzt, viel mehr allerdings wird im Spannungsfeld von Klimawandel, Naturschutz und Urbanisierung nicht mehr verfügbar werden. Bei zunehmender Bevölkerung nimmt die Fläche vermutlich eher noch ab.

Das Handelsblatt im sozialistischen Klassenkampf?

Wer sich nun sorgt, dass das Handelsblatt künftig dem Sozialismus frönt, der muss sich keine Sorgen machen: Noch in der gleichen Analyse begibt sich der Autor und Ex-Wirtschaftsweise Bert Rürup zurück ins klassische Wirtschaftsdenk. Die Erkenntnis: Ohne steigende Flächenprofitablität wird es demnach kaum möglich sein, den Hunger zu besiegen. Das ist naheliegend, offenbart aber auch die bestehenden Probleme: Bessere Flächenproduktivität und Skaleneffekte werden vor allem von Großkonzernen erzielt, Kleinbauern können sie nur allzu selten realisieren. Auch Drohnen und Sensoren oder Bewässerungsapps werden sich viele Kleinbauern kaum leisten können, wenn jeder in der Wertschöpfungskette mitverdienen möchte.

Ob nun Rürups Schluss korrekt ist, dass sich kleinbäuerliche Betriebe demnach zusammenschließen müssten, ist sicherlich fraglich. Es wäre schließlich auch möglich, Betriebe zu subventionieren oder Hilfe zur Selbsthilfe zu schaffen. Bei größeren Maschinen ist es aber zweifellos schwierig, sozial und zugleich wirtschaftlich vernünftig zu agieren. Natürlich kann man aber auch hier weiterdenken und ganz im Sinne der Sharing Economy auch Maschinen teilen. Kompliziert wird es aber trotzdem, beispielsweise wenn der benachbarte Kleinbetrieb dutzende Meilen entfernt ist.

Der Ex-Wirtschaftsweise hat die Weisheit nicht verlegt

Das sind alles nur einzelne Ansätze, die Probleme nicht vollumfänglich lösen. Aber jeder Mensch der zusätzlich gesättigt wird ist ein Erfolg. Und jeder Konsumaspekt der nachhaltiger gedacht ist als seine Alternative ist sinnvoll.

So oder so ist es gesund zu sehen, dass auch dort an Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit gedacht wird, wo man es nicht zuvorderst vermuten würde. Auch wenn Rürup inzwischen kein Wirtschaftsweiser mehr ist, hat er seine Weisheit in der Zwischenzeit nicht verlegt, sondern möglicherweise sogar erweitert. Zugleich ist das Handelsblatt zumindest nicht immer eine Ausgeburt neoliberaler Wirtschaftshörigkeit, sondern kann auch sozial argumentieren. Jedenfalls scheint eine Erkenntnis gereift zu sein: Wirtschaft funktioniert nicht ohne Gerechtigkeit, aber Gerechtigkeit ist ohne Wirtschaft ebenfalls kaum zu erreichen. Und so übe ich mich ausgerechnet im sozialdemokratisch bis linken Vokabular. Ausgerechnet. Hat also der Kassenkampf begonnen?

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