Ironie, Kritik und ein Hauch von Wahnsinn.

Du warst doch an der YouTube-Universität

Über Verschwörungsideologen und ihre Bildung zu lachen ist leicht. Viele tun das, indem sie sich über Verschwörungs-Anhänger als Absolventen der [[YouTube-Universität]] lustig machen. Nur bringt das leider gar nichts – im Gegenteil: Es schadet sogar eher.

Gerade in Kommentarspalten findet sich in der Diskussion mit Verwirrten und Verschwörungsideologen oft die abwertende Einschätzung, dass die Betreffenden ihr Wissen wohl von der [[YouTube-Universität]] hätten. Also aus dem bei YouTube verbreiteten Verschwörungs-Nonsens. Ganz abgesehen davon, dass es natürlich keine solche Universität gibt, ist die Floskel wahnsinnig abgedroschen und ziemlich unkreativ. Das wäre noch verzeihbar, wenn sie Diskussionen wenigstens weiterbringen würde. Tut sie aber nicht. Viel mehr dient sie dazu jegliche Debatte totzuschlagen: Der da ist ein Idiot. Ich bin klüger. Ciao.

Sie wird also als argumentum ad hominem genutzt: Der vermeintlich ungebildetere Gegner der Argumentation wird für sein vermeintliches Bildungsniveau angegriffen. Wer kein [[richtiges]] Studium hinter sich gebracht hat, der war eben an der YouTube-Universität. Das ergibt auch deshalb wenig Sinn, weil sich ein [[echtes]] Studium und ein [[YouTube-Studium]] natürlich nicht ausschließen. Wolfgang Wodarg hat in Medizin promoviert. Axel Stoll hat Geologie studiert und ebenfalls promoviert. Xavier Naidoo hat zwar nicht studiert, war aber dafür Dozent an der Mannheimer Hochschule Popakademie. Das alle hält sich nicht von Verschwörungs-Irrsinn ab.

Nun kann man einwenden: Warum brauche ich Argumente, wenn der Verschwörungsideologe doch selbst maximal Scheinargumente präsentiert. Auch das tun User bei Twitter immer mal wieder.

Nur: Wer dem Anderen vorwirft ohne Argumente zu agieren, sollte der nicht selbst welche präsentieren? Im Optimalfall sogar welche, die nicht so ähnlich lauten wie: [[Du bist dümmer als ich]]

Tatsächlich ist es aber auch so, dass der Terminus [[YouTube-Universität]] die Bewegtbild-Plattform zu Unrecht abwertet. Denn: Natürlich kann man jede Menge Wahnsinn dort ansehen. Man kann aber halt auch jede Menge sinnvolle Inhalte dort schauen.

Damit man mich nicht falsch versteht: YouTube muss man wirklich nicht verteidigen. Als Google-Tochter ist YouTube selbst oft genug Wächter über das, was verbreitet werden darf und soll. Gerade für die Verbreitung von Verschwörungsideologie durch den YouTube-Algorithmus, die Nicht-Eindämmung von falschen oder verwerflichen Inhalten oder gar die werbliche Förderung pädophiler Inhalte darf und muss man YouTube kritisieren.

Diejenigen, die von der [[YouTube-Universität]] sprechen mögen damit auch gar nicht sämtliche Inhalte meinen. Mutmaßlich meinen sie nur Inhalte, die Ideologien ohne ausreichende Faktenbasis präsentieren. Nur drückt der Begriff etwas anderes aus, denn er differenziert nicht. Er spricht ganz allgemein von [[YouTube]]. Und eine pauschale Verurteilung der YouTube-Inhalte ist schlicht nicht zielführend. Wenn man eine Generation von TikTok-JüngerInnen nicht mehr vor das lineare TV bekommt, dann ist es sogar extrem wichtig, Kanäle wie YouTube zu nutzen, wie das unter anderem öffentlich-rechtliche Kanäle aber auch andere gut produzierte, anspruchsvolle Inhalte bei der Video-Plattform tun. Wer dagegen pauschal YouTube verunglimpft, der sorgt im Zweifel bei den vom linearen Fernsehen abgewandten NutzerInnen eher für eine gänzliche Abwendung von [[vernünftigen]] Inhalten hin zu mehr Verschwörung und anderem Unfug.

Meine Eltern haben hier gerne eine etwas abgedroschene Formulierung benutzt: Fernsehen macht die Klugen klüger und die dummen Dümmer. Ähnliches gilt für das Internet: Entscheidend ist, was man bei YouTube konsumiert. Und, dass man sich seine eigene Meinung bildet. Das Absurde daran: Die gleiche Erkenntnis haben auch Verschwörungsideologen. Nur, dass sie daraus falsche Schlüsse ziehen. Eine eigene Meinung bilden bedeutet nämlich weder alles zu glauben, was vermeintliche Mainstream-Medien verbreiten, noch all das, was Atilla Hildmann und Xavier Naidoo einem erzählen wollen.

Deshalb gibt es aus meiner Sicht zwei Möglichkeiten: Entweder man versucht argumentativ, gegen den Verschwörungs-Wahnsinn anzugehen, der ins Internet fabuliert wird. Und sei es nur indem man einen Link zum Faktencheck unter einen Käse-Post kommentiert. Oder aber man erkennt in manchen Fällen, dass eine Auseinandersetzung sowieso nicht zielführend ist, weil die Zugänglichkeit des Gegenübers für Argumente nicht gegeben ist. Dann führt ein Kommentar nur dazu, dass der faktenvermeidende Blödsinn noch mehr Verbreitung erfährt. In dem Fall hilft es, sich Lebensenergie zu sparen, den User zu ignorieren, vielleicht sogar zu blocken und App oder Website einfach mal zu schließen.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Auch das hilft manchmal. Zumindest einem selbst.

  1. Ketzer sagt:

    “ Nicht-Eindämmung von falschen oder verwerflichen Inhalten oder gar die werbliche Förderung pädophiler Inhalte darf und muss man YouTube kritisieren.“

    Zuerst verschwinden die Kinder aus den Videos und Photos, dann aus der Öffentlichkeit nur aus Angst vor den Pädophilen. Wer schützt die Kinder vor den Kinderschützern.

    • Wer will denn Kinder verschwinden lassen? Es geht doch darum, dass Kinder nicht in einem sexualisierten Kontext gezeigt werden. Und darum, dass Kinder natürlich auch Rechte haben und Erziehungsberechtigte sehr bewusst damit umgehen sollten, welche Inhalte Ihrer Schutzbefohlenen verbreitet werden.

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